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Das verkürzende, entstellende Narrativ bei Historikerin Sarotte

 

 

Das verkürzende, entstellende Narrativ bei Historikerin Sarotte zu Baker am 9.2.90



Zitat von andreassolar: 

Sarotte, Führungsduo?, in: Geiger u.a. (Hrsg.), Zwei plus Vier. Die internationale Gründungsgeschichte der Berliner Republik (2021), S. 47-63, hier S. 60 f.

Die tendenziell etwas romanhaften Ausgestaltungen verbinden sich bei Sarotte a.a.O. mit dem etwas zu starken Narrativ aus der Rückschau von der angeblich verpassten Chance Gorbatschows, die Nichtausdehnung der NATO - auf DDR-Gebiet oder sonst wo - im 'Vier-Augen-Gespräch' mit Kohl am 10. Februar 1990 in Moskau festzuklopfen.

 

Ihre auf das neue Narrativ fixierte 'wissenschaftliche' Arbeitsweise, noch ein erhellendes Beispiel aus dem angegebenen Artikel S. 57f., wird durch entstellende Verkürzungen, entstellende Auslassungen und Herstellung falscher Zusammenhänge demonstriert.

So notiert Sarotte S. 57, Gorbi habe auf jene von Baker vorgestellten zwei Modelle eines zukünftigen Gesamtdeutschland, einmal

  • vereinigtes Deutschland außerhalb NATO u. vollkommen selbständig sowie ohne amerikanische Streitkräfte
  • oder vereinigtes Deutschland mit bestehenbleibenden Verbindungen zur NATO, jedoch ohne Ausdehnung der Jurisdiktion und Streitkräfte der NATO nach Osten über die derzeitige Linie,

geantwortet, "dass jedwede Ausdehnung der 'NATO-Zone' nicht akzeptabel sei. Laut Gorbatschow war Baker damit einverstanden".

Was Sarotte als erstes Angebot Bakers der Nicht-Ausdehnung der NATO verkaufen will, welches Gorbatschow direkt anschließend aufgegriffen haben soll, dem wiederum Baker zugestimmt haben soll, kann kaum anders als falsch bezeichnet werden.
Wie schon in anderem Zusammenhang angegeben, antwortete Gorbi auf Bakers etwas längeren Redebeitrag, der u.a. eben die Frage enthielt, welches der zwei von Baker vorgestellten Gesamt-Deutschlands Gorbi vorziehen würde, mit den Worten:

M. S. Gorbacˇev: Wir werden dies alles durchdenken. Wir beabsichtigen, alle diese Fragen auf der Führungsebene gründlich zu erörtern. Selbstverständlich ist es klar, dass eine Ausdehnung der NATO-Zone inakzeptabel ist.

J. Baker: Wir stimmen dem zu.

M. S. Gorbacˇev: Es ist durchaus möglich, dass in der Lage, wie sie sich jetzt gestaltet, die Anwesenheit der amerikanischen Streitkräfte eine mäßigende Rolle spielen kann. [...]​


Die eigentliche Botschaft der aus US-Sicht auf jeden Fall bestehen bleibenden NATO-Integration zumindest des BRD-Gebietes, immer verbunden mit einem Abzug sowjetischer Truppen aus der DDR, schmückt Baker mit der Ausgangsidee von der Nichterweiterung der NATO nach Osten, auf DDR-Gebiet. Und tatsächlich geht Gorbi nach Bakers 'Wir stimmen dem zu' auf die möglicherweise mäßigende Rolle der Anwesenheit der US-Streitkräfte ein - was sich auf das BRD-Gebiet bezieht im Rahmen der NATO.

Genau das hat Baker auch bemerkt - und u.a. erreichen wollen. Das war der erste wichtige Schritt, aus Sicht Bakers.



Sarotte notiert S. 57 zutreffend, Baker habe noch in Moskau einen - auch noch angeblich 'heimlichen' - Brief an Kohl schreiben lassen, welcher wesentliche Inhalte des Gesprächs von Baker mit Gorbatschow referierte.
Sarotte präsentiert keine weiteren Inhalte des Baker-Briefes an Kohl, auch nicht das Datum von Bakers Brief - behauptet dafür, Bakers Brief sei zeitgleich (ebenfalls 'heimlich'?) auch an den National Sicherheitsrat der US-Administration gegangen, der dort Bedenken und damit einen Brief Bushs an Kohl ausgelöst habe, der noch am 9.2. in Bonn bei Kohl eingetroffen sei.

Kohl traf am 10.2. am frühen Nachmittag in Moskau ein, unmittelbar danach startete Bakers Flug von Moskau.
Tatsächlich war Bakers am 10. Februar (auch Briefdatum) in Moskau verfasster und dort hinterlegter Brief über den wesentlichen Gesprächsverlauf Baker-Gorbi (9.2.) mit dem Nationalen Sicherheitsrat und Bush vereinbart worden.

Werner Weidenfeld, Außenpolitik für die deutsche Einheit. Die Entscheidungsjahre 1989/1990 (1998), S. 722, Anm. 57, u.a.:

Die Information der deutsche Delegation durch Baker war bereits vorab zwischen Genscher und Baker sowie Teltschik und Scowcroft [Bushs Nationaler Sicherheitsberater] vereinbart und von Bush in seinen Schreiben v. 9.2. angekündigt worden.​


Der Brief Bushs an Kohl vom 9.2. reagierte daher nicht auf den Brief Bakers vom 10.2. an Kohl. Da sie u.a. Bakers Politics of Diplomacy (1995) als Quelle angibt: dieser selbst schreibt, er habe am Morgen vor der Ankunft Kohls in Moskau ihm diesen Brief geschrieben/diktiert - am 10.2.


Baker referiert zutreffend im Brief vom 10.2. an Kohl über Bakers an Gorbatschow gestellte Frage der zwei Modelle eine künftigen Gesamtdeutschland:

[...] Und dann stellte ich ihm die folgende Frage:

Würden Sie es vorziehen, ein vereinigtes Deutschland außerhalb der NATO zu sehen, unabhängig und ohne US-Streitkräfte, oder würden Sie es vorziehen, dass ein vereinigtes Deutschland an die NATO gebunden ist, mit der Zusicherung, dass sich der Zuständigkeitsbereich der NATO keinen Zentimeter von seiner derzeitigen Position nach Osten verschiebt?

Er antwortete, die sowjetische Führung denke über alle diese Optionen nach und werde sie bald "in einer Art Seminar" erörtern. Dann fügte er hinzu: "Sicherlich wäre jede Ausdehnung der NATO-Zone unannehmbar." (Im Umkehrschluss könnte die NATO in ihrer jetzigen Zone akzeptabel sein.)

Kurzum, ich glaube, wir hatten einen sehr interessanten Austausch, der darauf hindeutet, dass Gorbatschow zumindest nicht festgelegt ist. [...]​


Hervorhebung von mir. Das war damals der/ein entscheidende(r) Punkt.


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