Genscher in Tutzing, mit Baker in Moskau (Januar/Februar 1990)
Was in der kreativen Rückschau und Rückprojektion inzwischen
öfter gänzlich übersehen wird, damals wiederum nicht:
Sowohl Genschers Tutzinger Äußerungen von Ende Januar und Bakers gesamte
Ausführungen am 9.2.90 in Moskau gegenüber Gorbatschow negieren eine
Neutralität Gesamt-Deutschlands, und beide Positionen enthalten ex- wie
implizit die Mitgliedschaft eines geeinten Deutschland in der NATO und die
unverminderte NATO-Präsenz wie bisher. Ebenso werden Überlegungen einer jeweils
weiterbestehenden Bündnis-Mitgliedschaft für das Gebiet der BRD (NATO) und der
DDR (WVO) in einem geeinten Deutschland nicht unterstützt.
Militärisch wie militärstrategisch, das betont Gorbi damals immer wieder,
stellte die DDR den mit Abstand wichtigsten, bedeutendsten Standort außerhalb
der Sowjetunion dar. Sinngemäß erklärte er beispielsweise US-Präsident Bush
irgendwann im Mai 1990, dass Lösungen nach Vorstellungen, die Sowjetunion gebe
ihren Militärstandort DDR in einem geeinten Deutschland auf, aber die NATO
bleibe wie bisher in Deutschland (und sei es Westdeutschland), ausgeschlossen,
inakzeptabel seien.
In jenem Gespräch Baker-Gorbatschow am 9. Februar 1990
referierte Gorbatschow auch jene Tagung der Evangelischen Akademie Tutzing Ende
Januar 1990 zur Zukunft BRD/DDR mit vielen wichtigen Teilnehmern recht
ausführlich....U.a. erwähnt er, die Teilnehmermehrheit habe dafür votiert, ein
geeintes Deutschland solle beiden Militärbündnissen angehören, die NATO Westen
usw., ein kleiner Teil habe sich für die Neutralität ausgesprochen. Beide
Positionen entsprachen auch Gorbatschows eigenen Vorstellungen.
Genscher, der sich dagegen in Tutzing explzit für eine auch zukünftige
NATO-Mitgliedschaft Gesamt-Deutschlands positionerte, mit dem Zusatz, die NATO
möge sich in einem wie auch immer geeinten Deutschland nicht weiter nach
'Osten' [DDR-Gebiet] ausdehnen, wird in Gorbis längeren Ausführungen zur
Tutzinger Tagung mit keiner Silbe erwähnt.
Dies zeigt nochmals, dass Genschers Tutzinger Vorschläge/Anregungen bei
Gorbatschow auf keine Gegenliebe, keine Resonanz stießen, wie die anderen,
ganz ähnlichen von Baker Anfang Februar.
Dass Genschers Äußerungen in Tutzing Ende Januar 1990 für
Gorbatschow nicht akzeptabel waren, zeigt sich auch in seinem Brief vom 7.
Februar 1990 an Willy Brand in Willy Brand, Berliner Ausgabe, Band 10, S. 432f., u.a.
schreibt Gorbatschow an Brandt:
Der militärisch-politische Status des künftigen einheitlichen Deutschland ist für uns das Schlüsselproblem. Und es muß so gelöst werden, daß die Sicherheit der Sowjetunion dadurch nicht benachteiligt, daß der Friedensprozeß in Europa dadurch bekräftigt wird. Man sollte wohl kaum die Erörterung der dazu gehörenden Pro- [432] bleme, einschließlich der Möglichkeit für die militärische Neutralität Deutschlands, aufschieben. Mit ihrer Erörterung könnte man schon jetzt im Kreise der vier Mächte und der beiden deutschen Staaten beginnen. Selbstverständlich gibt es auch eine andere Variante, nämlich die Erörterung im Rahmen eines gesamteuropäischen Forums.
Wie dem auch sei, aber das Sicherheitsproblem läßt sich, ob es uns gefällt oder nicht, keinesfalls umgehen. Und diejenigen, die sich auf Gedankengänge über die Zugehörigkeit des ganzen künftigen einheitlichen Deutschland bzw. dessen Teile zur NATO und über die weitere Benutzung des Territoriums der BRD zu den Zwecken einlassen, die den Zielen eines militärischen Blocks dienen, sind gegen die Wiedervereinigung, sind für das Fortbestehen der Spaltung.
Unterstreichungen von mir. Und auch gegen diese damals, im zweiten Absatz
unterstrichenen, aufgestellten Behauptungen, Einschränkungen und postulierten
Ausschlußkriterien, hier von Gorbatschow vorgebracht, hat sich Genscher in
seinem Tutzinger Beitrag gewandt.
Die jetzt verbreiteten retroperspektiven Interpretationen Genschers Äußerungen
in Tutzing blenden teils bewusst oder aus programmatischen Überlegungen, teils
aus mangelnden substanziellen Kenntnissen des Zeitkontextes den Rest von
Genschers Rede wie auch den Anlass, Tutzinger Umfeld und Zeitkontext seiner
Stellungnahme aus, Gorbatschow Nichtakzeptanz, Ablehnung ebenso. Dass Bakers
ganz ähnlicher, weil mit Genscher abgestimmter Vorschlag in den Gesprächen mit
Gorbi am 9.2.90 auf keine nachhaltige, explizite Resonanz und Zustimmung
treffen und auch nicht beidseitig anschließend öffentlich kommuniziert werden
konnte, und sich niemand in der sowjetischen Führung auch in den nachfolgenden
Tagen, Wochen und Monaten berufen wollte, ist evident.
Auch Willy Brandt hat sich in Tutzing gegen eine Neutralität oder eine
Zwei-Bündnisse-Lösung für ein geeintes Deutschland positioniert.
Oder besser formuliert, Gorbatschows (unterstrichene) Worte
im Brief an Brandt sind die Reaktion auf die vom Bundesaußenminister, in der
Tutzinger deutsch-deutschen Zusammenkunft über die Zukunft beider und eines
geeinten Deutschland, ausgebreiteten Vorstellungen & Positionen zur
weiteren Zukunft der deutsch-deutschen Entwicklungen. Bei Treffen mit Baker am
9.2. in Moskau übergeht Gorbatschow bei der Darstellung der Tutzinger
Zusammenkunft einfach den Auftritt Genschers, referiert dafür die ihm
zusagenden Hauptpositionen des Tutzinger Treffens, vergisst aber dabei nicht
Willy Brandts Tutzinger Ansichten....
.. echt gekonnt...selbstverständlich wusste Baker von Genschers Auftritt in Tutzing...
Da sitzt Baker nun bei Gorbi und versucht den
Genscher-Baker-Luftballon wie Sauerbier an den Mann zu bringen.
..kann man schön nachlesen
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