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Die Historikerin Sarotte und der Kohl-Besuch am 10. Februar 1990


Die Historikerin Marie Elise Sarotte über den Kohl-Besuch am 10.2.90 in Moskau



Für EinsteigerInnen, die einen ersten Überblick suchen, mögen die diversen Schriften von Mary Elise Sarotte hilfreich sein. Sonst m.E. wohl eher nicht aufgrund gehäufter handwerklicher und methodischer Schwächen. 

Ein typisches Beispiel scheint mir ihre Schilderung der Episode des Bundeskanzler-Besuches am 10. Februar 1990 in Moskau zu sein.
Sarotte, Führungsduo?, in: Geiger u.a. (Hrsg.), Zwei plus Vier. Die internationale Gründungsgeschichte der Berliner Republik (2021), S. 47-63, hier S. 60 f.



Ein einem ‚Vier-Augen-Gespräch‘ Kohl-Gorbatschow am Spätnachmittag des 10.2. gab es u.a. folgenden Wortwechsel:

M. S. Gorbacˇev: Wahrscheinlich kann man sagen, dass zwischen der Sowjetunion, der BRD und der DDR keine Meinungsverschiedenheiten in der Frage der Einheit der deutschen Nation bestehen und dass die Deutschen diese Frage selbst entscheiden. Kurzum, im wichtigsten Ausgangspunkt besteht Einvernehmen: Die Deutschen selbst müssen ihre Wahl treffen. Und sie sollen diese unsere Position kennen.

H. Kohl: Die Deutschen wissen das. Sie wollen sagen, dass die Frage der Einheit die Wahl der Deutschen selbst ist.

M. S. Gorbacˇev: Aber im Kontext der Realitäten.

H. Kohl: Damit bin ich einverstanden​


Kohl kann daher gegen Ende des Gesprächs ein kurzes Resümee ziehen, u.a. mit 

„Wenn ich Sie richtig verstanden habe, dann haben Sie gesagt, dass die Entscheidung über die Vereinigung der Deutschen eine Frage der Deutschen selbst ist.“ [...]


Gorbi antwortete darauf:

Sie haben ziemlich genau das wiedergegeben, was ich gesagt habe. Ich möchte nur noch einmal zum Anfang unseres Gesprächs zurückkehren: Die Sowjetunion und die BRD stellen unter Berücksichtigung der Meinung Modrows fest, dass keine Meinungsverschiedenheiten in Bezug auf die Probleme der Einheit Deutschlands sowie des Rechtes der Deutschen, ihre Wahl zu treffen, existieren.[…]​


Bei Sarotte wird nur dieser Satz zitiert:

Sie haben ziemlich genau das wiedergegeben, was ich gesagt habe.​


....mit der Bemerkung, obwohl Gorbatschows Antwort etwas vage gewesen sei, habe sie Kohl völlig ausgereicht.

Sarotte weiter:

Kohl und Gorbatschow trafen anschließend wieder mit ihren Delegationen zu einer gemeinsamen größeren Sitzung zusammen. Sobald sie versammelt waren, wiederholte Kohl die Zusammenfassung, auf die er sich gerade mit Gorbatschow geeinigt hatte. Der Bundeskanzler sagte der Delegation: „Er begrüße sehr die Feststellung des Generalsekretärs, daß die Frage, ob die Deutschen in staatliche Einheit leben wollen, eine Frage der Deutsche ist, eine Frage, die sie selbst entscheiden müssen.“ Kohl lenkte also die Aufmerksamkeit auf das grüne Licht, das er gerade von Gorbatschow bekommen hatte. Derr Bundeskanzler musste sicherstellen, dass so viele Personen wie möglich es sahen, bevor die Ampel wieder auf Rot springen könnte. ​


Bei Sarotte fehlt, dass

  • Gorbatschow die nachfolgende zweite, größere Runde eröffnete (als Gastgeber zumal),

  • Gorbi nach den einleitenden Worten unmittelbar auf das Recht der Deutschen auf freie Wahl der Staatsform und Einheit eingeht, in Übereinstimmung mit Kohl: Ich bin mit dem Bundeskanzler zur gemeinsamen Auffassung gelangt, dass die Frage nach der Zukunft des deutschen Volkes – und diese Zukunft rückt näher – über seine Staatlichkeit und über die Wahl, die es treffen will, dass dies natürlich die Wahl der Deutschen ist.

Es war Gorbatschow, der die Delegationen davon unterrichtete, und Kohls angeführte Äußerungen hat Kohl nicht an die (deutsche? sowjetische?) Delegation, sondern an Gorbatschow gerichtet, wie man unschwer an seiner Wortwahl erkennen kann.....

Die bundesdeutsche, von Sarotte genutzte Quelle und die sowjetischen Quellen stimmen hier inhaltlich weitestgehend und selbst sprachlich noch weitgehend überein, ich nutzte sowohl Sarotte wie Galkin u.a., Michail Gorbatschow (2011) für die Zitate.


Ihre Schlussfolgerungen – vielleicht auch ihre ‚wissenschaftlichen‘ Qualitäten - sind mehr literarischer Natur. Anschaulich phantasiert und suggeriert sie:

Der Bundeskanzler sagte….

Kohl lenkte….

Der Bundeskanzler musste sicherstellen...


Ähnlich kreativ geht sie mit Genschers Tutzinger Rede, dem Zeitkontext, den verwendeten Quellen-Editionen sowie mit wissenschaftlichen Arbeiten um. So blendet sie recht konsequent die damals größere, wichtigere Botschaft in Genschers Rede aus: 

  • NATO-Mitgliedschaft eines zukünftigen, geeinten Deutschland, 
  • Absage an Neutralitätsvorstellungen. 

Selbst und obwohl die entsprechenden, damaligen Quellen und zeitnahen wissenschaftlichen Publikationen, die sie verwendet, dies teils explizit auch so darstellen....

 

Die tendenziell etwas romanhaften Ausgestaltungen verbinden sich bei Sarotte a.a.O. mit dem etwas zu starken Narrativ aus der Rückschau von der angeblich verpassten Chance Gorbatschows, die Nichtausdehnung der NATO - auf DDR-Gebiet oder sonst wo - im 'Vier-Augen-Gespräch' mit Kohl am 10. Februar 1990 in Moskau festzuklopfen. Sie übergeht notorisch Kohls deutliche Absage an alle (sowjetischen) Wünsche und Forderungen einer bündnispolitischen Neutralität Deutschlands oder einer Zwei-Bündnisse-Idee, und sein nachdrückliches Eintreten für ein Gesamtdeutschland in der NATO im Vier-Augen-Gespräch Gorbatschow-Kohl.


Und sie übergeht entsprechend bzw. versteht entsprechend nicht, dass bzw. warum Gorbatschow ebenso wenig im Gespräch dezidiert Kohls vermeintliche Zusage, seine Ausführungen hinsichtlich der NATO-Ausdehnung als vermeintliche 'Sensation' wiederholt und vertieft, resümiert. Kohl schon, denn in seinem Resümee gegen Ende des Vier-Augen-Gespräches wiederholt Kohl seine vermeintlichen Zusagen zur NATO-Nichtausdehnung nicht mehr, ohne Widerspruch oder Korrektur von Gorbi....

Auch in der großen Runde des nachfolgenden zweiten Gespräches wird die vermeintliche Zusage wg. NATO nicht von sowjetischer Seite nochmals aufgegriffen, resümiert, vertieft usw. Ebenso wenig von der bundesdeutschen Seite....



Bildlich vereinfacht gesprochen, wird aus dem Appetizer 'NATO-Nichtausdehnung DDR', den Kohl als Versüßung/Ablenkung für/von seine anderen, schwer verdaulichen Positionen - Gesamtdeutschland in der NATO, Ablehnung Neutralität - anbietet, eine vermeintliche Zusage konstruiert. Eine Konstruktion, welche vielfach das 'Hauptmenü' ausblendet, übergeht, welches Kohl Gorbatschow vorwiegend überbracht hatte...


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